Gelebte Geschichte

Foto2: Ecke Vierländer Straße, Billhorner Röhrendamm, Lindleystraße  in den vierziger Jahren (Foto: Holger Schmidt)
Foto2: Ecke Vierländer Straße, Billhorner Röhrendamm, Lindleystraße in den vierziger Jahren (Foto: Holger Schmidt)

Der Stadtteil, der 1943 in den Hamburger Bombennächten weitestgehend zerstört wurde, erinnert sich

Wer heute nach Rothenburgsort kommt, trifft im Süden auf eine grüne Insel mit lockerer Nachkriegswohnbebauung, nördlich der Bahnlinie auf ein Gewerbegebiet, und ganz im Norden haben die Kleingärtner ihr Reich auf der Billerhuder Insel. Etwa 9.100 Einwohner leben hier, einige wenige seit Generationen, die meisten Bewohner sind zugezogen. Fünf Autominuten von der HafenCity entfernt liegt ein Stadtteil mit einer großer Vergangenheit und – geht es nach den Stadtplanern, die Hamburg entlang der Elbe und Bille entwickeln  – auch mit einer bedeutenden Zukunft.

Der Stadtteil, der wegen seines Baumbestandes  zu Recht als sehr grün empfunden wird, ist baulich durch den Wiederaufbau nach dem Krieg geprägt.   Wohnblockzeilen, inmitten von Grünanlagen, hin und wieder etwas Blockrandbebauung, aber praktisch alles aus den Fünfzigerjahren und jünger. Fast sieht es aus, als habe hier die Stadt im Zuge der Schaffung neuen Wohnraums nach dem Zweiten Weltkrieg ein ehemaliges Hafen- und Gewerbegebiet für den Wohnungsbau genutzt und einen neuen Stadtteil geschaffen. Doch plötzlich taucht zwischen all den Nachkriegsbauten am Vierländer Damm eine Fassade auf, die eindeutig älter ist. Weiter die Straße entlang steht ein Wohnhaus quer hinter einem einstöckigen „Etwas“ mit Flachdach – und einem verkohlten Mauerrest. Am Bullenhuser Damm steht ein großes Schulgebäude mitten im Gewerbegebiet. In der Hardenstraße stößt man auf eine Hamburger Burg aus dem Jahr 1900 mit Gründerzeitfassade. Und am Gebäude gegenüber sieht man Reste abgeschlagener Buchstaben über der Tür – da war mal eine Volksschule. Ein ganz anderes Rothenburgsort kommt plötzlich zum Vorschein, ein dicht besiedelter Stadtteil für 40.000 Einwohner mit Gründerzeitgebäuden und eng terrassierten Innenhöfen, mit Ladengeschäften und Lokalen in fast jedem Haus; ein völlig anderer Kosmos: Rothenburgsort vor der Bombardierung durch die Alliierten im Juli 1943.

Ecke Billhorner Röhrendamm, Billhorner Mühlenweg in den vierziger Jahren (Foto: Holger Schmidt)
Ecke Billhorner Röhrendamm, Billhorner Mühlenweg in den vierziger Jahren (Foto: Holger Schmidt)

Seit Beginn dieses Jahres gehen einige Bewohner mit dem Notizblock auf Entdeckungsreise durch ihren Stadtteil. Sie haben inzwischen eine Bestandsaufnahme aller Gebäude im südlichen Rothenburgsort gemacht und diese tabellarisch erfasst. Außerdem sammeln sie schon seit langem Fotos, Postkarten, Bilder und Dokumente aus Rothenburgsort.

Unter dem Dach des Bürgervereins fand sich eine Gruppe zusammen, deren Ziel es ist, ein eigenes Stadtteilarchiv entstehen zu lassen, und die alle einbinden möchte, die sich mit Rothenburgsort und seiner Geschichte beschäftigen wollen. Im Herbst werden sie zum ersten Mal ihre Nachbarn einladen. Dann werden im Erzählcafé Geschichten ausgetauscht. Das eigene Wissen über den Stadtteil zu teilen und sich gemeinsam zu erinnern – an die Zeit vor dem Krieg, aber auch an den Wiederaufbau und das Leben in den darauf folgenden Jahrzehnten, an Menschen, die hier gelebt und gewirkt haben, an den alten Milchladen und die Kneipe ums Eck. Rothenburgsort bekommt ein kleines Fenster in die eigene Vergangenheit.

Neben der Dokumentation soll auch ein Bewusstsein dafür entwickelt werden, Gebäude, die die Entwicklung und das Angesicht des Stadtteiles beeinflusst haben, langfristig zu erhalten. So wurde beispielweise das Dach des S-Bahnhofes auf eine Initiative aus der Gruppe  hin unter Denkmalschutz gestellt, denn „… um zu wissen, wohin man geht, muss man wissen, woher man kommt.“, so die Überzeugung der Macher, die sich für ein Archiv engagieren. PIB

Alle Bürgerinnen und Bürger – und besonders auch die ehemaligen – sind herzlich eingeladen, sich einzubringen unter info@archiv-rothenburgsort.de